Schweizer Volkskalender

Dissertationsprojekt Teresa Tschui

 

Die Bilderwelt der Volkskalender. Ihre Typologie, Funktion und Entwicklung. Exemplarisch dargestellt am „Appenzeller Hinkenden Boten“ vor dem Hintergrund der Deutschschweizer Volkskalender des 17. bis 19. Jahrhunderts.

Die Vorstellung eines russischen Zwerges, der ohne Arme und Hals geboren wurde, doch mit ziemlichem Verstand ausgestattet ist, Zigarren raucht und strickt; die wahrhafte Abbildung eines Wunderschweins aus Nürnberg, das drei Ohren besitzt, täglich 14 Maas Milch trinkt und von grosser Schönheit ist; die Darstellung des starken Brandweinsäufers und die schädlichen Folgen davon; die Abschilderung der vor einem Jahr üblichen lächerlichen französischen Kleidertracht und des Kopfputzes; Bilder zu Hinrichtungen, Kriegsschauplätzen, Erdbeben, Krönungen, kuriosen Tieren, Pflanzen, Menschengestalten, fremden Sitten und zu vielen anderen Bereichen aus der Nachrichten- und literarischen Welt bereichern im Laufe der Zeit den quartformatigen Volkskalender und lassen ihn zu einem dynamischen Text-Bild-Medium werden.

Die Anfänge der Kalender im 16. und 17. weisen sich durch einen spärlichen Einsatz von graphischen Elementen aus: Die Frontseite präsentiert sich als Verknüpfung von textlichen Angaben zum Kalender und bildlichem Holzschnitt. Je nach Ausrichtung und Intension des Kalendermachers erscheinen beispielsweise der Hinkende Bote, Heilige, Stadtansichten, allegorische Darstellungen, Landes-, Städte-, Kirchen- oder Familienwappen oder Schweizer Heldensagen auf dem Titelblatt.

Das Aderlassmännlein, eine nackte, zuweilen mit einem Lendenschurz bedeckte Gestalt mit ausgestreckten oder angewinkelten Armen, die strahlenförmig mit den jeweiligen Sternzeichenfiguren verbunden sind, zählt zu den ersten visuellen Darstellungen im Kalender. Ursprünglich als medizinische Anleitung zum Blutreinigen gedacht, dient die schematische Figur zunehmend dem wenig lesekundigen Publikum als beruhigendes Erkennungsmuster im Kalender und wird erst im Zuge der Volksaufklärung gegen Ende des 18.Jahrhunderts aus vielen Kalendern als abergläubische Unsitte verbannt.

Wenige Jahre später oder sogar zeitgleich mit den Aderlassfiguren tauchen in den Kalendern 12 kleine Monatsbilder auf, die das jahreszeitliche Geschehen im Kalendarium visualisieren. Zu den traditionellsten Motiven zählen die bäuerlich-ländlichen Tätigkeiten und Lebensgewohnheiten. Bilder mit allegorischen Darstellungen aus der griechisch-römischen Götterwelt, Sternzeichenabbildungen und Holzschnitte mit diversen anderen Themen lassen sich ebenfalls nachweisen.

Wappen als graphische Elemente spielen im Volkskalender keine gewichtige Rolle, da sich andere populäre Druckmedien wie beispielsweise Staatsalmanache mit ausführlichen Beamtenlisten auf die Heraldik spezialisiert haben. Die Kantonswappen der Schweiz tauchen jedoch auch in den traditionellen Volkskalendern auf und werden, da als Schwarzweiss-Druck, in einer Legende mit den jeweiligen Farben beschrieben. Auf Titelblättern finden sich ebenfalls manchmal Familienwappen oder Druckersignete.

Da der Kalender ein billiges Druckerzeugnis ist, braucht er nicht geschmückt zu werden. Trotzdem lassen sich graphische Verzierungen wie zum Beispiel florale, ornamentale oder gar figurative und thematische Elemente als Balken, Rahmen, eckige oder geschwungene Muster und Füllsel von Texten finden.

Die Bilderwelt der klassischen Volkskalender lässt sich demnach in sechs Gruppen graphischer Elemente einteilen: Titelblatt, Aderlass, Monatsbild, Wappen, Schmuckelement und Textillustration.

Das kalendarische Bildmaterial soll in meiner Doktorarbeit an den Exemplaren der Appenzeller Kalender von 1722 (erster Jahrgang) bis ins 19. Jahrhundert hinein beleuchtet werden. Diese vollständig erhaltene Quelle eignet sich auf Grund der reichhaltigen Bebilderung – bis 1800 finden sich insgesamt 1100 visuelle Elemente, inklusive aller kleinen Verzierungen und sich wiederholenden Darstellungen – besonders als Fundament für eine Untersuchung, die in einem ersten Schritt die Arten der Kalenderbilder in ihrer historischen Entwicklung, der ikonographischen Tradition und in ihrer Funktion skizziert. Ein Schwerpunkt soll auf die Illustrationen gelegt werden, die Nachrichten, nichtliterarische oder literarische Texte optisch untermalen, erklären, verdeutlichen und hinterfragen. Das Text-Bild-Verhältnis ist in diesem Zusammenhang äusserst interessant.

Die Analyse des technisch-künstlerischen Hintergrundes vermag das Oszillieren zwischen einfacher handwerklicher Holzschneidearbeit und dem Bemühen um graphische hoch stehende Kunst für ein Billigprodukt wie den Kalender aufzeigen. Die zeitliche Entwicklung der Bebilderung im Zusammenspiel von technischer Entwicklung, wirtschaftlichen Überlegungen und der Ausprägung des Publikumsgeschmacks soll reflektiert werden und zu der Frage nach Bedeutungen der optischen Elemente im Textmedium Kalender für Illiterate und für ungeübte Leser überleiten. Die Rezeption als Folge von Aneignung durch die Leser und Betrachter kann nur indirekt über den materiellen Träger, den Kalender selber, verfolgt werden.

Vergleiche und Exkurse zu anderen Volkskalendern wie beispielsweise dem Zürcher Jährlichen Hausrath., der sich durch Selbstreflexionen im Bezug auf seine Bilderwahl auszeichnet, dem traditionellen Berner Hinkenden Boten oder dem kaum illustrierten Luzerner Kalender, aber auch zu populären Druckmedien wie der Zeitung, den Flugblättern und den Volksschriften betten den Appenzeller Kalender in einen grösseren Zusammenhang ein.

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Akademische Ausbildung

  • seit 2003: Doktorandin am Institut für Europäische Volksliteratur, Universität Zürich
  • Februar 2002: Lizentiatsabschluss (lic. phil. I) an der Universität Basel
  • 1995-2001: Studium an der Universität Basel (Germanistik, Kunstwissenschaft, MGU)

Adresse

Schweizer Volkskalender
Teresa Tschui
Culmannstrasse 1, Raum F07, 8006 Zürich

Telefon: +41 (0)1 634 40 94

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Letzte Aktualisierung: 22.11.2008
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