Schweizer Volkskalender

Dissertationsprojekt Claudia Wehner Näff

 

Transnationale Medienereignisse in Schweizer Volkskalendern des 18. und 19. Jahrhunderts.

Die in Arbeit befindliche Dissertation beschäftigt sich mit einer Funktion des Volkskalenders, welche in der bisherigen Forschung kaum beachtet wurde:
Dem Kalender als Nachrichtenmedium.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein war der Kalender, neben anderen, nicht periodisch erscheinenden Druckerzeugnissen, für weite Bevölkerungsteile einziges gedrucktes Nachrichtenmedium. Zeitungen und Zeitschriften traten ihren Siegeszug und somit die Verdrängung des Kalenders aus der Rolle des Nachrichtenvermittlers erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an.
Durch die jährliche Erscheinungsweise des Kalenders ergaben sich für den Herausgeber hinsichtlich der Nachrichtenauswahl Vor- und Nachteile. Er war in der Lage, Ereignisse in einem grösseren Zusammenhang sehen und darstellen zu können, litt gleichzeitig jedoch unter der unvermeidbaren Vergänglichkeit von Nachrichten, welche zum Zeitpunkt des Erscheinens des Kalenders (häufig bis zu einem Jahr nach dem tatsächlichen Ereignis, manchmal auch erst im übernächsten Jahrgang) möglicherweise längst bekannt und nicht mehr aktuell waren. Hinzu kommt, dass auch die Obrigkeit, zum Beispiel durch Zensurmassnahmen, auf die Auswahl der abzudruckenden Texte Einfluss nahm. So war es häufig verboten, regionale oder auch nationale Nachrichten abzudrucken.
Aus diesem Spannungsverhältnis ergeben sich unterschiedliche Fragestellungen:
Worüber, wie und warum wurde berichtet? Diesen Fragen soll im Rahmen einer quantitativen Auswertung der in den Schweizer Volkskalendern des 16. bis 19. Jahrhunderts abgedruckten Nachrichtentexte nachgegangen werden.

Neben dieser grundlegenden Arbeit zum Kalender als Nachrichtenmedium möchte sich die Dissertation einer speziellen Form von Nachricht widmen, den „Transnationalen Medienereignissen“. Hierunter versteht man die über die Landesgrenzen hinaus bzw. jenseits der Landesgrenzen wahrgenommene (aus Sicht der Schweiz also ausländische) mediale Inszenierung von Schlüsselereignissen, welche zur Kommunikation anregen und häufig gesellschaftspolitische Veränderungen zur Folge haben.
Als Medienereignisse des letzten Jahres wären zum Beispiel der Krieg im Irak, die Prinzenhochzeiten in Dänemark, Spanien und den Niederlanden, aber auch der Tigerangriff auf den Magier Roy in Las Vegas zu nennen. All diese Ereignisse sorgten für Diskussionen auf verschiedenen Ebenen.

Wie verhält es sich jedoch im 18. und 19. Jahrhundert. Was war zu jener Zeit Medienereignis, wie definiert es sich, wie präsentiert es sich im Volkskalender, welcher für den damaligen Leser zugleich NZZ, Weltwoche, Spiegel, Gala und Bild-Zeitung war, also neben politischen Ereignissen auch über den Klatsch und Tratsch der Zeit, über wissenschaftliche Entdeckungen, kulturelle Ereignisse, kuriose Wesen und Mord und Totschlag berichtete?
Um sich dem Phänomen Medienereignis des 18. und 19. Jahrhunderts nähern zu können, muss zunächts eine Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen des Ereignisbegriffs und der Medienwirkungsforschung erfolgen.
Auf dieser Basis und mit den bereits erarbeiteten Erkenntnissen zum Kalender als Nachrichtenmedium sollen ausgesuchte Kalenderreihen hinsichtlich der in ihnen abgedruckten Nachrichten für den Zeitraum zwischen 1750 und 1820, einem Zeitrahmen, für den zum einen vollständige Kalenderreihen vorliegen und der zum anderen die Blütezeit des Kalenders als Nachrichtenmedium abbildet, genauer ausgewertet werden. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf der Ausarbeitung von besonderen Charakteristika oder Tendenzen der jeweiligen Kalenderreihen in Bezug auf Auswahl und Präsentation von Nachrichtentexten. Diese allgemeine Auswertung der Kalenderreihen liefert die Grundlage für eine genauere Analyse ausgesuchter Medienereignisse des angegebenen Zeitraumes.
Die ausgewählten Ereignisse aus den Bereichen Politik, Wissenschaft, Verbrechen und Naturkatastrophen, darunter zum Beispiel das Erdbeben von Lissabon 1755, die Halsbandaffaire am französischen Hof 1785, der Sturm auf die Bastille 1789, werden hinsichtlich ihres Auftretens in den bearbeiteten Kalenderreihen, ihrer sprachlichen und textuellen Gestaltung, Bebilderung, Stellung innerhalb des Kalenders und auf mögliche Quellen untersucht, um die Frage zu beantworten, inwieweit historische Medienereignisse vom Kalendermacher als solche wahrgenommen und entsprechend medial aufbereitet wurden.

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Akademische Ausbildung

  • seit 2003: Doktorandin am Institut für Europäische Volksliteratur, Universität Zürich
  • 2002: Magistra Artium der Universität Freiburg
  • 1998-2002: Studium an der Universität Freiburg i. Breisgau/Deutschland (Neuere deutsche Literaturgeschichte, Deutsche Sprachwissenschaft, Soziologie)
  • 1997/1998, WS: Studium an der Universität Utrecht/Niederlande
  • 1995-1997: Studium an der Universität Würzburg/Deutschland (Magisterstudiengang Vor- und Frühgeschichte und Germanistik; ab 1996 Soziologie und Germanistik)

Adresse

Schweizer Volkskalender
Claudia Wehner Näff
Culmannstrasse 1, Raum F07, 8006 Zürich

Telefon: +41 (0)1 634 40 94

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Letzte Aktualisierung: 22.11.2008
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