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Dissertationsprojekt Norbert Wernicke
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Kalendergeschichte – Geschichte im Kalender. Literarische Texte in Deutschschweizer Kalendern vom Anfang der Druckgeschichte bis 1900 unter besonderer Berücksichtigung der Nordostschweiz. Der bewusst mehrdeutig gehaltene Arbeitstitel des Dissertationsprojektes von Norbert Wernicke weist auf die Schwierigkeit beim Umgang mit dem Begriff ‚Kalendergeschichte‘ hin. Denn die literarischen Texte, die in Volkskalendern zu finden sind, erweisen sich alles andere als einheitlich zu einem Genre zuordbar, und die ‚klassischen‘ Kalendergeschichten z.B. des ‚Rheinischen Hausfreunds‘, die dem Genre zu einem Aufstieg in die Hochliteratur (z.B. Brecht) verholfen haben, sind alles andere als repräsentativ. Im Gegenteil erweist sich die unterhaltende Literatur als äußerst vielfältig: Vorformen lassen sich in Bauern- und Gesundheitsregeln des 16. Jh. finden, die zwar weniger wegen ihres Inhalts, dafür umso mehr durch ihre formale Gestaltung (Vers und Reim) als literarisiertes Sprechen bezeichnet werden können. Wenn die Kalender sich im 17. Jh. mittels Nachrichten aus der Schweiz und aller Welt als Informationsmedium für den ‚gemeinen‘ Mann zu etablieren wissen, so kann schon nach kurzer Zeit, spätestens in der ersten Hälfte des 18. Jh., eine Verselbständigung der unterhaltenden Funktion dieses Nachrichtenteils beobachtet werden. Erste Analysen lassen die (noch an einem umfassenderen Korpus zu erhärtende) These zu, dass die ursprünglich beispielhaft-belehrenden Unglücksgeschichten, die zwischen Kriegsberichten und Krönungsbeschreibungen europäischer Herrscher erscheinen, zunehmend den Charakter blut- und sensationslüsternder Unterhaltungsgeschichten annehmen. Ihre sprachliche Verarbeitung und das häufige Wiederkehren verschiedener Motive lassen vermuten, dass der Wahrheitsgehalt der Meldungen von z.B. Kindern, die versehentlich im Backofen verbrennen oder gar von ihren Eltern absichtlich geröstet werden, gegen Null tendiert. Befunde aus Zürich zeigen, dass bereits während der Aufklärungszeit die Kalendermacher z.T. die Geschichten, die sie berichten, selbst nicht geglaubt haben. Während aber noch bis zum Ende des 18. Jh. der Kalendermann kunstvoll darum bemüht sein kann, die Glaubwürdigkeit und damit Nachrichtenstatus der Meldungen zu betonen, nimmt im 19. Jh. der literarische Texteil einen immer größer werdenden Platz ein, jetzt nicht als wahr, sondern als unterhaltend gepriesen. Ob mit dieser Verschiebung in der Textgattung (von ‚wahrer‘ Nachricht zu ‚fiktiver‘ Erzählung) auch flächendeckend inhaltliche Verschiebungen einhergehen, wie nach bisherigen Befunden vermutet werden kann und wie es teilweise von Kalendermachern selbst thematisiert wird, muss am vollständigen Korpus geklärt werden. Die literarischen Texte stehen dabei immer im Kontakt mit dem rein informativen Teilen des Kalenders, es ist häufig nicht klar zu entscheiden, welche Funktion ein Text einnimmt. Das Dissertationsprojekt hat sich vorgenommen, die Deutschschweizer Kalender bis 1900 bezüglich ihrer ‚freien‘ Texte zu untersuchen, die Frage nach dem Auftreten unterschiedlicher literarischer Genres zu beantworten und die Einbindung in die Mediengeschichte durch Vergleich von Texten mit Vorlagen in anderen Medien (Zeitungen, Schwankbücher, Fabel- und Exemplasammlungen) zu betrachten. Das Projekt soll damit einen Beitrag zur Text- und zur Mediengeschichte leisten, ferner unter volkskundlichem Blickwinkel Ergebnisse zur Frage nach der Literarisierung vormals ungebildeter Schichten liefern. |
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